Tulimisu bawa, tuakee.

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Das Aufregende an diesem Freiwilligenjahr ist unter anderem, dass es immer etwas zu lernen gibt. Damit meine ich: die ugandische Kultur kennenlernen, Fähigkeiten entwickeln und ausbauen, aus Fehlern lernen, Freundschaften schließen, Neues entdecken.

Wenn ich nach Deutschland schreibe, sind die Standardfragen an mich: „Wie geht’s dir? Was macht die Arbeit? Und wie ist das Leben dort in Uganda?“
Darauf zu antworten, fällt mir ganz ehrlich nicht immer leicht. Man möchte seine Antworten ja besonders kurz, irgendwie schlicht, vielleicht einen Hauch bescheiden, aber aussagekräftig und natürlich beeindruckend formulieren, um den Empfänger möglichst nicht zu langweilen und nicht zu lange aufzuhalten.
Dann kann es durchaus sein, dass es sich manchmal vielleicht so anhört, als würde immer alles nach Plan laufen und als gäbe es fast nie Probleme.
So ist es aber natürlich nicht! Auch ich habe hier gute, sowie schlechte Tage. Aber auch solche Tage gehören dazu, haben ihren Zweck und können sehr lehrreich sein.
Wir Freiwilligen kennen da einen ganz guten Spruch: Challenges are our best teachers.

Die Zeit rast weiter … und schon ist April.
In den letzten Wochen ist mehr passiert, als vorher erwartet.
Bei YAWE sind die Success Stories (Erfolgsgeschichten) gerade meine Hauptaufgabe. Dabei gehe ich zusammen mit Nicholas (dem Bandleiter) in die Stadt und besuche die Jugendlichen, die durch YAWE die Möglichkeit zu einer Ausbildung bekommen haben. Während sie mir erzählen, wie es ihnen geht und was es in der letzten Zeit für Probleme und für Erfolge gab, mache ich mir Notizen, um aus diesen später die Success Stories zu schreiben.

Ich finde es sehr spannend, mir die Geschichten und Träume der vielen Jugendlichen hier anzuhören. Jeder von ihnen ist aus einem bestimmten Grund bei YAWE, einem Ereignis aus ihrer Vergangenheit, und haben deshalb alle eine Gemeinsamkeit, die sie verbindet. Sie möchten ihr Leben verändern und sich weiterbilden.
Für mich ist es immer sehr inspirierend zu sehen, wie viel Mut, Hoffnung und Durchhaltevermögen die Jugendlichen in meinem Alter zeigen und wie viel manche von ihnen oft nur durch den Glauben an sich selbst schon erreicht haben.

In letzter Zeit habe ich mir zudem öfters Gedanken darüber gemacht, inwiefern die Unterstützung, die von YAWE ausgeht und größtenteils Jugendliche erreicht, sprich Vocational und life skill trainings, dazu beiträgt, dass sich die Jugendlichen verstanden und akzeptiert fühlen und ihnen das dauerhaft weiterhelfen kann bezüglich Berufswahl und Lebensunterhalt.
Dann habe ich mich mit einem Jungen in meinem Alter aus der Band darüber unterhalten und er hat mir erzählt, wie froh und dankbar er ist, dass er hier bei YAWE aufgenommen wurde und neue Freunde gefunden hat, die in der gleichen Situation und für ihn wie eine Familie sind. Auch hat er mir gesagt, wie wichtig für ihn die Musik ist und mir von seinen Träumen und Zielen erzählt, die er nun verwirklichen möchte.
Dieses Gespräch fand ich sehr bewegend und es hat mir gezeigt, dass, selbst, wenn es nur Kleinigkeiten sind, die einen glücklich machen, wie in einer Band zu spielen, in der man sich gegenseitig unterstützt und motiviert, es doch wichtig ist, sich deren bewusst zu sein und sie wertzuschätzen.

Auch meine Musik- und Gitarrenstunden scheinen sich langsam herumzusprechen und mehr Interesse zu wecken. Vor Kurzem habe ich draußen bei YAWE neben dem Ofen auf einer Holzbank Zwiebeln für das Mittagessen geschnitten, während ich meinem Freund Daglas immer wieder Griffe und Tipps auf der Gitarre gezeigt habe.
An diesem Tag war unser Peer Education Programm, bei dem wir aus zehn Schulen Fort Portals jeweils zehn Schüler und einen Lehrer zu uns ans Office eingeladen haben, um bei unserem Training über HIV Prävention und AIDS teilzunehmen.
Für so viele Menschen musste dann natürlich auch ein großes Mittagessen zubereitet werden. Also habe ich an diesem Vormittag nicht nur Zwiebeln geschnitten, sondern auch Matooke (Kochbanane) geschält. Keine leichte Aufgabe und eine sehr klebrige Angelegenheit. Auch, wenn es sich vielleicht nicht besonders anspruchsvoll anhört; den braunen “Matooke-Kleber“, kleine Schnittwunden und Blasen hat man noch Tage danach an meinen Händen sehen können.

Gitarre spielen konnte ich dann aber trotzdem weiterhin. Momentan steht eine in meinem Zimmer und wird jeden Samstag von mir per Boda Boda zu YAWE mitgenommen.
Für eine knappe Woche hatte ich sogar nicht nur eine Gitarre, sondern auch ein Keyboard Zuhause stehen. Bei YAWE besteht nun schon seit längerem der Wunsch, Keyboard spielen zu lernen, um vielleicht irgendwann eine moderne Big Band aufbauen zu können. Also bin ich Anfang April nach Kampala aufgebrochen, um besagtes Keyboard zu finden, zu kaufen und mitzunehmen. Hört sich leichter an, als es dann tatsächlich gewesen ist. Erstens war das erst mein viertes Mal in Kampala, was noch längst nicht ausreicht, um sich auch nur annähernd in der chaotischen Hauptstadt zurechtzufinden. Zweitens war es nicht leicht, einen geeigneten Transport für das Instrument zu organisieren. Das Keyboard war zwar nicht schwer, – ich kann es unter einem Arm in der Gegend umhertragen – aber ich wollte es wirklich nicht auf einem Boda Boda quer durch die Innenstadt fahren bis zum Bus, der mich zurück nach Fort Portal bringen würde.
Zum Glück gibt es in Kampala auch die sogenannten Friendship Taxis, die einen abholen und überall sicher hinbringen. Dafür zahlt man dann natürlich ein bisschen mehr Geld.

Wie immer nach ein paar Tagen Kampala, bin ich froh wieder zurück in Fort Portal zu sein. Manchmal vermisst man das Stadtleben, die vielen Menschen und das große Treiben, weshalb Kampala auch sehr reizen kann. Aber Fort Portal hat einfach diese Idylle einer kleinen, ruhigen und überschaubaren Stadt.

Bei uns Zuhause wird es – jetzt, da wir “nur noch“ vier Monate hier sind – auch immer idyllischer. Für unsere Boden-Matratze haben wir ein passendes Holzgestell aus dem Manna Rescue Home, in dem Paulina arbeitet, bauen lassen.
Diese Kombi (Matratze auf Holzgestell) nennen wir nun ganz stolz ‚Sofa‘.

Mittlerweile fühle ich mich hier in Uganda, auf der Arbeit, Zuhause und in Gesellschaft der Ugander sehr wohl. Oft denke ich darüber nach, wie es sein wird, wenn ich mich in vier Monaten von alledem verabschieden muss und zurück ins Heimatland gehe.
Es wird sicher seltsam sein, plötzlich wieder so viele Möglichkeiten zu haben, sich sein Essen zuzubereiten. 🙂

Seit einigen Wochen regnet es wieder täglich in Strömen. Die große Regenzeit beginnt allmählich Einzug zu halten.
Es ist immer sehr lustig mit anzusehen, wie regenscheu die Leute hier sind. Wenn es einmal anfängt zu regnen, wirkt die kleine Stadt wie angehalten. Keine Boda Bodas mehr auf den Straßen; auf dem Markt, wo sonst den ganzen Tag die Frauen mit ihren Körben voll exotischer Früchte und gutem Gemüse sitzen, wird ganz schnell alles abgebaut und weggetragen; überall an jeder Ecke stehen die Menschen unter Vordächern und in kleinen Straßenläden unter, warten manchmal stundenlang bis die graue Regenwolke wieder vorbeizieht.

Mit den stärkeren Regenschauern kommen auch die häufigen Stromausfälle. Momentan kommt es wieder öfters vor, dass der Strom fast zwei ganze Tage am Stück wegbleibt.
Zum Glück gibt es Kerzen! 🙂

Trotz Regenzeit bin ich weiterhin auf Entdeckungsreise.
Vor Kurzem habe ich einen Freund kennengelernt, der mich zu zwei richtig schönen Orten geführt hat, von denen ich vorher noch nicht gewusst hatte.
Einer dieser Orte ist ‚Jabulani‘, eine Kunstausstellung, die praktisch direkt bei uns um die Ecke liegt. Dort gibt es nicht nur alle möglichen Arten von Kunst, die aus einer Gruppe von Jugendlichen entstehen, sondern auch einen Billiardtisch, Snacks und Getränke und ein Musikzimmer mit Keyboard, Schlagzeug und Gitarre. Jeden Freitagabend wird ein Lagerfeuer gemacht und jeden letzten Freitag im Monat spielt dort sogar eine Live Band vor.

Und jetzt komme ich endlich dazu, die Frage zu beantworten, die man sich womöglich gestellt hat: Was bedeutet denn nun der Satz im Titel?

Bei meinem letzten Besuch im Jabulani saßen wieder viele Jugendliche zusammen um das Lagerfeuer, jemand hat Gitarre gespielt und alle haben zusammen ein Lied gesungen.
Das Lied war auf Rutooro, war wunderschön und hat einen Platz als Titel dieses Beitrags verdient. Ich habe meinen Freund gefragt, was sie denn da singen und er meinte, es bedeutet: Wir sind Kerzen, lasst uns leuchten.
Den restlichen Abend saß ich bei den anderen Jugendlichen und habe zusammen mit ihnen gesungen. Ab jetzt werde ich öfters zu Jabulani gehen.

 

 

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2 Comment

  1. Katharina Roser says: Antworten

    Liebe Anika,
    ich habe mich sehr gefreut von dir zu hören! – Herzlichen Dank für deine Nachricht und Fotos. Bei den Recherchen bin ich auf deine Seite gestoßen und war sehr beeindruckt!!!! Es sind auch super tolle Bilder, die von deinen Erlebnissen berichten.
    Ich freue mich über jede deine Berührung mit Musik. Schön, dass du diese Begeisterung weiter geben kannst!
    Ich wünsche dir von Herzen schöne Zeit, erfülltes Leben, Energie, Freude, Glück und tolle Begegnungen in diesem schönen Land!
    Deine Klavierlehrerin
    Katharina Roser

    1. Ani says: Antworten

      Liebe Frau Roser,
      vielen Dank für Ihre lieben Worte und die Glückwünsche!
      Ich vermisse die wöchentlichen Klavierstunden bei Ihnen sehr!
      Wir werden uns sicher wieder sehen, wenn ich in drei Monaten zurück nach Deutschland komme. 😉
      Viele liebe Grüße!

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