Angekommen und ankommen werden

Wanderung

Endlich bin ich hier in Uganda.
Und endlich finde ich mal die Zeit, das auch Euch in Deutschland wissen zu lassen.
Eigentlich hatte ich ja wirklich vor, gerade in der Anfangszeit, jeden oder auch jeden zweiten Tag einen kleinen Beitrag zu veröffentlichen. Aber mir ist jetzt klar geworden, dass man in diesen ersten Tagen zu sehr damit beschäftigt ist, alles Neue, das man hier kennenlernt, aufzunehmen, zu verarbeiten und zu reflektieren.
Es braucht wirklich seine Zeit, bis man realisiert, dass man für ein ganzes Jahr ein völlig anderes Leben führen wird, als das, das man bis zu diesem Zeitpunkt kannte.
Und es braucht noch viel länger, bis man wirklich sagen kann, voll und ganz angekommen zu sein.

In den drei Wochen, die ich bereits hier bin, ist schon so einiges gewesen…

Nachdem wir unsere ca. 14 stündige und sehr abenteuerliche Herreise mit unerwarteten ‚Windböen‘, davonrollenden Snackwägelchen, fliegendem Essen, nassen Hosen und zerzausten Haaren mehr oder weniger gut überstanden hatten und froh waren, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, kamen wir dann am Dienstag, den 23.08., nach einer weiteren Busfahrt um ca. 14 Uhr Ortszeit sicher in Kampala an, wo unser viertägiges Orientierungsseminar stattfand.

Kampala ist, wie es sich für eine Hauptstadt gehört, sehr groß und laut und bunt. Die meiste Zeit während des Seminars verbrachten wir in unserem Hostel. Aber neben einem Abstecher im Kampaler Krankenhaus, einem Besuch bei der deutschen Botschaft und der Einladung zu einer Welthungerhilfe-Party im Büro vor Ort, wurden wir an einem Tag jeweils zu zweit von einheimischen Begleitern durch ganz Kampala geführt. Dabei wurde uns das bunte und chaotische Kampaler Stadtleben, die vielen Menschen und ihre Art, sich durch die Stadt zu bewegen (nämlich mit kleinen 16-Platz-Taxibussen und Moped-Taxis, genannt Boda-Bodas) und auch das typisch ugandische Essen näher gebracht.

Am darauffolgenden Samstag war es dann soweit. Um acht Uhr in der Früh ging es für mich mit den anderen sechs plus unserem Praktikant Basti nach Fort Portal. Auf der Busfahrt, die fast sechs Stunden dauerte, begleiteten uns unsere Mentoren aus den jeweiligen Organisationen. Am Tag davor in Kampala und während dieser Busfahrt hatten wir Zeit und Möglichkeit, uns ein bisschen kennenzulernen. Mein Mentor heißt Nicholas und ist sehr lieb. Leider verstehe ich ihn jedoch nur sehr schlecht, da sich das Englisch hier doch ein wenig anders anhört, als wir es in Deutschland sprechen. -Der typische Afrika-Akzent eben! 😉

In Fort Portal -von uns auch gerne FoPo genannt- angekommen unternahmen wir, nach der Gepäckablage an unseren Häusern, erstmals einen Einkauf im Supermarkt mitten in der Downtown, um unsere ersten Mahlzeiten zu sichern.
Fort Portal ist im Vergleich zu Kampala viel kleiner, ruhiger und vor allem viel grüner. Wenn man das Rwenzori-Gebirge aus dem richtigen Winkel und im richtigen Licht betrachtet, kommt es sogar manchmal vor, dass diese Landschaft ein bisschen an den Schwarzwald erinnert… 😉 Und trotzdem sieht man auch hier auf den Straßen fast ausschließlich Boda-Bodas herumdüsen, weshalb wir nach unserem Einkauf schon gleich unsere erste wilde Fahrt bei Nacht (hier wird es nämlich schon um halb sieben ganz schnell dunkel) mit den sogenannten Moped-Taxis hatten. -Leider noch ohne Helm, aber ich werde mir baldmöglichst einen guten anschaffen. Versprochen, Mama!)

Unser Compound, welcher im Kagote-Viertel, also im Nordosten der Stadt, liegt, ist viel größer und schöner, als ich es mir vorgestellt hatte. Auf dem Gelände stehen drei Doppel-Häuser, also insgesamt sechs Doppel-Haushälften, von denen vier von uns zwei Hälften bewohnen.
Den ersten Abend verbrachten Paulina (meine WG-Mitbewohnerin) und ich im Dunkeln. Die Vorfreiwilligen haben uns nämliche einiges überlassen: einen kleinen Kaffeetisch, zwei Stühle, zwei kleine Wohnzimmerregale, zwei gute Betten mit zwei Matratzen und sogar einem schon befestigten Moskitonetz, eine recht ordentliche Küchenausstattung mit den notwendigsten Dingen -mitunter sogar ein Gas- und ein Elektroherd, zwei Badezimmer-Spiegel, warmes Wasser und eine gut funktionierende Toilettenspülung. Nur leider waren weit und breit keine Glühbirnen aufzufinden. Weder in unserer Haushälfte, noch in der von Anna und Henri nebenan, noch in den Wohnungen auf dem Compound in Virika der drei anderen FoPos.
Also war das erste, was Paulina und ich in unserem neuen Zuhause taten, unsere beiden Solarlichter auszupacken, uns an den Kaffeetisch zu setzen und Erdnüsse zu essen.

Nachdem wir den Sonntag relativ entspannt verbracht hatten, uns Zeit zum Auspacken, Stadterkunden und Ankommen genommen hatten, waren wir am Ende des Tages sogar noch erfolgreich gewesen beim Ausfindigmachen und späterem Anbringen neuer Glühbirnen.
Eine unruhige Nacht später war auch schon mein erster Arbeitstag bei YAWE.
Das Büro liegt in Rwengoma, mit dem Boda brauche ich von Zuhause aus ca. 10 Minuten und zahle dafür 2.000 UGX (Uganda-Schilling). Das entspricht umgerechnet ungefähr 55-60 Cent. Nehme mir aber vor, in Zukunft öfters hin zulaufen. Ich muss dann allerdings natürlich ein bisschen früher aufstehen.
YAWE hat ein relativ kleines, aber überschaubares Büro mit 12 Mitarbeitern + zwei Kindern, derzeit einer weiteren Freiwilligen aus den USA und ein paar Hühnern und Enten.
Es sind dort alle wahnsinnig lieb und herzlich. Anders, als erwartet, arbeiten hier viel mehr Männer bei YAWE (Youth And Women Empowerment) als Frauen. Und es sind natürlich auch alle im Alter von 30-50 Jahren, womit ich mit großem Abstand die Jüngste bin. Damit habe ich aber keine Probleme, ich verstehe mich nämlich super mit meinem Mentor Nicholas und auch schon mit einigen anderen Mitarbeitern hatte ich mehr zu tun.
Zum Beispiel durfte ich gleich an diesem ersten Tag mit Gilbert, dem Physiotherapeuten von YAWE, zusammen auf ein Outreach. Dabei fahren wir ins Feld, besuchen dort lebende Familien, die in deutlich schlimmeren Bedingungen hausen, als in der Stadt, untersuchen die Leute auf HIV, spielen und erkundigen uns um den gesundheitlichen Stand meist behinderter und kranker Kinder und machen AIDS/HIV-Beratungs- und Aufklärungsbesuche an Schulen, die vor allem weiter außerhalb gelegen sind.
Und letzten Freitag bin ich mit unserem YAWE-Arzt raus aufs Feld gefahren um Babys und ihre Mütter zu impfen. Es ist teilweise wirklich schockierend, wie unhygienisch das abläuft und welche Mittel dabei zur Verfügung stehen.
Ansonsten habe ich jetzt in der Anfangszeit noch nicht so viel zu tun, was aber auch nicht schlimm ist, da ich mich ja sowieso erstmal eingewöhnen und die Leute kennenlernen muss.
Wenn die Schule hier wieder anfängt, werde ich öfters auch mal eine ganze Band von knapp 30 Kindern mit anleiten und mit ihnen Stücke einüben. Bin gerade sogar ernsthaft am Überlegen, ob ich mir nicht ein kleines Klavier für wenig Geld anschaffe, da es bei YAWE leider nur ausschließlich Trommeln gibt.

Man braucht nicht lange hier zu sein, um sich an die vielen täglichen Stromausfälle zu gewöhnen. Paulina und ich haben schon so einige dunkle Abende in unserem Zuhause verbracht, und das nicht nur wegen fehlenden Glühbirnen. Deshalb haben wir immer unsere Solarlichter parat stehen und griffbereit. Auch auf der Arbeit, wo ich anfangs den einzigen Internetzugriff hatte, bleibt oftmals der Strom weg.
Vor einigen Tagen habe ich mir aber endlich einen Internetstick für Zuhause besorgt und kann mich nun öfters mal bei Euch in Deutschland melden.

Nach einer relativ anstrengenden und erlebnisreichen ersten Woche, in der mir unter anderem ein Arzt aus Virika einen Heiratsantrag gemacht hat, da er meinen Trick mit dem Fake-Ring meiner Eltern sofort durchschaut hatte, hatten wir uns alle schon sehr auf den Freitagabend gefreut, um die Stadt und ihr Nachtleben noch ein bisschen besser kennenzulernen… 😉
Wir wollten auf jeden Fall nicht allzu spät ins Bett, da wir am nächsten Morgen um 10 Uhr auf eine Hochzeit eingeladen waren. Deshalb waren Paulina und ich, die als Erste dem doch sehr netten Abend ein Ende gegeben haben, schon um halb drei zu Hause.
Zu der Hochzeit, die viel mehr nur die sogenannte ‚Introduction‘ davon war, werde ich nicht so viel sagen, da ich leider nicht wahnsinnig viel davon mitbekommen habe. Die gesamte Introduction ging nämliche ganze sechs Stunden – Und das ist, nach anschließenden Informationen von Maureen, unserer Nachbarin, die uns dazu eingeladen hat, noch ziemlich kurz. Manchmal geht solch eine Veranstaltung sogar mehrere Tage.
Es hat sich aber auf jeden Fall gelohnt, dabei gewesen zu sein. Allein schon, weil wir alle wirklich toll aussahen! 🙂

Auch unsere erste kleine Wanderung haben wir schon hinter uns. Am darauffolgenden Sonntag sind wir zusammen zu den Mountains of the moon gewandert und hatten von oben eine wunderschöne Aussicht auf den See Saka.
Ansonsten kann ich auch mit Stolz sagen, dass ich bis jetzt ziemlich sportlich unterwegs gewesen bin. Letzten Samstag, zum Beispiel, bin ich mit Paulina und Anna bis zum Compuond der anderen nach Virika gejoggt, was echt nicht so ganz ohne ist mit den vielen Hügeln hier in FoPo. Die ersten Yoga-Sessions haben wir auch schon veranstaltet und seit einer Woche treffen wir uns -jenachdem wie das Wetter mitspielt, womit man gerade nicht unbedingt rechnen kann, da die 2-3 monatige Regenzeit gerade begonnen hat- ab sofort jeden Montag und Donnerstag mit anderen Leuten zum Frisbeespielen in Boma.

Neben ein paar kleineren Kränklichkeiten, die ich in dieser erster Zeit schon durch machen musste, hat uns allerdings auch schon das ein oder andere Mal die Heimwehwelle überrollt. Diese haben wir aber auch gut zusammen überstanden und ich bin mir sicher, das wir die kommenden auch überstehen werden. Wir sind nämlich echt eine tolle Gruppe und ich bin kurzgesagt wirklich richtig froh, mit diesen Leuten hier in FoPo sein zu dürfen!

Damit dieser erste Blogeintrag aus Uganda nicht noch länger wird, als er es sowieso schon ist (Entschuldigung dafür an dieser Stelle!), sind hier jetzt noch ein paar weitere Bilder zum Ansehen.
Freue mich natürlich weiterhin über Kommentare und wenn Ihr Fragen etc. habt, dürft Ihr Euch auch gerne bei mir persönlich über Facebook melden.
Liebe Grüße aus FoPo und bis hoffentlich bald zum nächsten Beitrag! 😉

 

 

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8 Comment

  1. Marianne Rhein says: Antworten

    liebe Ani, es ist schön,Deine ersten Schilderungen zu lesen. Diese sind so lebendig, daß man jede Phase Deiner Erlebnisse und Gefühle mitbekommt. Wir denken oft an Dich, und hoffen, daß Du vielleicht Erfog bei der Beschaffung eines Musikinstrument hast. Musik hilft sicher auch über schwere, anstrengende und einsame Stunden hinweg. Wir sind in Gedanken bei Dir. Kuß Oma und Opa

    1. Ani says: Antworten

      Vielen Dank, ihr beiden! Hoffe, euch geht es auch gut. Vermisse euch und hab euch lieb! <3

  2. Liebe Ani, ein toller Blog-Eintrag!! Bitte mehr davon!!! Ich war für die Zeit des Lesens mit in Uganda, so gut hast du alles geschildert. Und die Bilder…… einfach beeindruckend, was du alles in so kurzer Zeit erlebt hast.
    Wir haben dich lieb und sind in Gednakne viel bei Dir, besonders beim Boda- Boda -Fahren 😉
    Mama & Lisa

    1. Ani says: Antworten

      Danke! Ich hab euch auch ganz arg lieb! :-*

  3. Marco Frizenschaf says: Antworten

    Hallo Anika, endlich haben wir uns auch mal die Zeit genommen ,deinen Blog zu besuchen und wir sind sehr beeindruckt! Schön, dass es dir gut geht und du eine Gruppe toller Menschen um dich hast. Die Bilder sprechen für sich und sind sind wunderbar . Wir wünschen dir eine schöne , interessante und erlebnisreiche Zeit in Uganda und werden deine Einträge sicher weiter verfolgen! Liebe Grüße Marion und Marco

    1. Ani says: Antworten

      Lieber Marco, liebe Marion,
      vielen Dank für eure lieben Worte und die Glückwünsche.
      Es freut mich, dass ihr meinen Blog lest und der euch so gut gefällt.
      Man sieht sich in sechs Monaten 😉
      Liebe Grüße aus Uganda, Anika

  4. Gabriele Schmitt-Zimper says: Antworten

    Liebe Anika,
    ganz oft denken wir an dich. Manchmal sitzen wir an unserem Küchentisch, an dem du ja auch immer wieder gesessen bist, und reden über dich, und wie es dir grad wohl ergeht. Deine Schilderungen sind sehr beeindruckend und wir bewundern dich, wie du all die Herausforderungen annimmst. Dein Bericht und deine Bilder sind bunt und zeigen viele Seiten deines Alltags, das macht Spaß und gibt einen guten Eindruck.
    Wir wünschen dir von Herzen weiterhin eine gute Zeit, dass immer Menschen um dich sind, auf die du dich verlassen kannst.
    Sei ganz herzlich gegrüßt von Gabriele und Peter

    1. Ani says: Antworten

      Ihr zwei lieben,
      vielen Dank für eure Worte und die Glückwünsche.
      Es freut mich, dass es euch Spaß macht meinen Blog zu lesen.
      Ich denke auch oft an euch und an Zuhause und ich freue mich schon darauf, in sechs Monaten wieder irgendwann mal an genau diesem Küchentisch sitzen zu dürfen und über die vergangene Zeit zu quatschen. 😉
      Liebe Grüße an euch und den Rest der Family

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